Verfasst von: Margrit | 30.07.2016

Das Grün bricht aus den Zweigen

Dieser Satz aus einem Wolf Biermann Lied stand vor langer Zeit in der Unterführung von der Gerberei zum Markt an die Wand gesprayt.

dasGruen
Damals, als unser Freund und Studienkollege L. sich vom Hochhaus gestürzt hatte und wir alle fassungslos und wie unter einer schwarzen Nebelwolke umherliefen, wurde ich jedesmal noch fassungsloser, wenn ich daran vorbeiradelte. „Mensch“, wollte ich ihn anfahren, „das Grün! Siehst du das Grün! … Nein, du kannst es ja nicht mehr sehen, du Depp.“ Und dann stiller: „Du wolltest es nicht mehr sehen. Es war dir egal, Scheißgrün, hat dich einfach nicht mehr erreicht.“

Ich habe sehr damit gehadert.

Inzwischen habe ich selber das Gefühl von Depression kennengelernt, dieses nagende Loch im Bauch. Zum Glück nicht oft und nicht lange. Aber die Erfahrung hilft mir, ich habe nun eine Vorstellung, wie sich das anfühlt. Dass man natürlich weiter wahrnimmt, was schön ist, was einem das Leben immer lebenswert gemacht hat, was beglückend sein könnte – aber es ist es nicht. Es ist es nicht. Die Freude ist weg. Jedes Gefühl ist weg.

Und irgendwann vermutlich auch die Hoffnung auf Änderung.

Nun ist mir das alles wieder eingefallen, als ich Traurig gelesen habe, und ich habe es endlich besser verstanden. Und ich weiß, ich werde nicht aufhören, immer wieder in meinem Leben um L. zu trauern. Wir haben noch studiert damals, er war so jung.


Responses

  1. Ja, L. gehörte einfach dazu. Gerade beim Auspacken und wieder Einräumen fiel mir gerade die Kerze in die Hände, die er mir bemalt und inzwischen kaum noch lesbar mit „Vipkä“ beschrieben hatte. Ich habe sie noch nie angezündet, damit sie nicht dahinschmilzt. Ich werde sie auch nie anzünden.
    L. hatte kurz vorher eine Prüfung nicht bestanden. Der Prüfer machte sich hinterher große Sorgen, ob er vielleicht doch zu streng geprüft hätte. Er hatte nicht geahnt wie es um L. steht.
    Ein Mensch ist nie einfach weg. Es bleibt so viel von ihm. Selbst über 30 Jahre später noch wie in diesem Blog.
    Ohne zu wissen, was es ist, erlebte ich einige Jahre danach auch eine sehr schwere Depression. In Panik legte ich mich nur noch ins Bett und rührte mich nicht. Etwas anderes fiel mir nicht mehr ein, um diesem widerlichen Drang mich umbringen zu müssen zu entgehen.
    irgendwann ließ dieser Drang nach. Ich hatte viel Glück und fand auf Umwegen eine sehr gute Therapeutin, die mir zu einem neuen Leben verholfen hat.

    • Und wieder: Danke, Wiebke!

      Hast du ein Foto der „Vipkä“ für mich / den Blog?
      Mir ist dabei eingefallen, dass ich auch noch einen Schatz von ihm hüte, eine selbstgebaute Okarina.

  2. […] hat zu meinem Blogbeitrag Das Grün bricht aus den Zweigen in ihrem langen und persönlichen Kommentar (vielen Dank dafür) unter anderem […]

  3. […] Das Grün bricht aus den Zweigen, wir wollen’s allen zeigen. Ich liebe die Verszeilen, und sie machen mich traurig. Und vermutlich habe ich schon mal darüber geschrieben? Ja, hier. […]


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